2018-02-22 09:30

Dem Erfolg des Langlaufs auf der Spur

Langlaufen boomt auch im Berner Oberland. 2014/2015 wurden in der deutschen und italienischen Schweiz total mehr als 33'500 Langlaufpässe gelöst – ein Viertel mehr als 2002/2003. Warum ist Langlaufen wieder cool?

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Auf der interaktiven Karte der Langlaufgebiete im Kanton Bern sehen Sie, in welcher Höhe sich die Gebiete befinden und welche Arten von Langlauf jeweils möglich sind.

Klirrende Kälte, der Schnee knirscht unter den sanft gleitenden Skis, Kristallen gleich funkelt das weisse Pulver rundum im Sonnenlicht. Dieses Langlauf­idyll ist wieder hip. «Langlauf ist definitiv nicht mehr uncool.»

Das sagt Seraina Mischol. Die 37-Jährige ist nicht nur eine der erfolgreichsten Langläuferinnen in der Geschichte des Schweizer Langlaufsports. Sie ist seit sechs Jahren Nachwuchsverantwortliche im Nordischen Skiclub Thun (NSK) und damit am Puls der Jugend.

Wenn sie sagt: «Langlauf ist definitiv nicht mehr uncool», wird was Wahres an dieser Aus­sage sein. Auch wenn Mischol einst aus gesundheitlichen Gründen den Rücktritt vom Spitzensport geben musste, ist sie immer noch begeisterte Langläuferin, um nicht das Attribut «leidenschaftlich» zu bemühen.

«Ich verdanke meiner JO so viel, dass für mich immer klar war: Nach meiner Aktivzeit will ich was zurückgeben», sagt die gebürtige Davoserin, die heute in Oberhofen lebt – und mit Blick auf «ihre» Jugendorganisation (JO) beim NSK Thun feststellt: «Insbesondere bei den unter ­16-Jährigen haben wir eine gute Truppe beisammen.»

Auch bei ­älteren Nachwuchsläuferinnen und Nachwuchsläufern seien «einige Topleute» dabei. «Aber halt nicht mehr so viele, weil die berufliche Ausbildung oder andere Hobbys viel Raum einnehmen.»

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«Die Zahl der Vereinsmitglieder, welche die Loipe unterhalten, stagniert, während die Zahl der Leute, welche die Loipe nutzen, kontinuierlich wächst.»

«Die Zahl der ­Vereinsmitglieder, welche die Loipe unterhalten, ­stagniert, während die Zahl der Leute, welche die Loipe nutzen, kontinuierlich wächst.»Reto Wyss, Gadmen

Das sagt Reto Wyss, Vizepräsident des Nordischen Skiclubs Oberhasli, und bringt damit ein Spannungsfeld auf den Punkt, mit dem viele Vereine und ehrenamtliche Loipenbetreiber zu kämpfen haben: Langlauf erfreut sich immer ­grösserer Beliebtheit, die Loipen werden immer stärker beansprucht – doch die Kräfte, welche die Anlagen unterhalten, werden nicht zwingend mehr.

Klagen mag er trotzdem nicht – im Gegenteil: Wyss freuts, wenn mehr Langläuferinnen und Langläufer den weiten Weg in den landschaftlich wilden Osten des Berner Oberlands finden. «Unsere Loipen werden primär von Breitensportlern genutzt – aber von solchen mit Ambitionen.» Die Tatsache, dass es mehr davon gebe, zeige, dass der Langlaufsport gefragt sei.

«Mekka» Kandersteg

Während Gadmen so etwas wie der Fluchtpunkt für jene ist, die vor Massenaufläufen von Wintersportlern fliehen, ist Kandersteg momentan nicht nur die angesagteste Destination für nordische Wintersportler im Berner Oberland, sondern auch die kompletteste.

«Dank der Nordic-Arena geht es auch mit der nordischen Kombination von Langlauf und Skispringen wieder aufwärts», sagt Stefan Zurbuchen. Der Vizepräsident des Skiclubs Kandersteg leitet das Ressort Nordisch, den «grösseren und ambitionierten Teil des Vereins».

Wo andernorts die Alpinen den Ton angeben, seien sie in Kandersteg «eher plauschmässig» unterwegs. Am meisten Zuwachs habe im Dorf am Portal der Lötschberg-Bergstrecke indes der Biathlon. «In den Jahren ohne Sprunganlage hat der Biathlon massiv an Gewicht gewonnen», sagt Zurbuchen – und fügt selbstbewusst an: «Wir haben Nachwuchs, der kommt!»

Was für den Leistungssport gelte, könne übrigens auch für den Breitensport angewandt werden, sagt er, der in einem Sportgeschäft arbeitet. «Sobald der Schnee da ist, wollen die Leute Langlaufequipment.»

Beliebte Volksläufe

Die Folge: «Auf weniger anspruchsvollen Abschnitten kann es da schon eng werden», sagt Bernhard Senn, Präsident und Vorstandskollege von Seraina Mischol im Nordischen Skiclub Thun – wohl wissend, dass sein Verein nicht ganz unschuldig ist an dieser Entwicklung.

Denn auch wenn die Komponente Leistungssport bei vielen Läufern nicht im Vordergrund steht und damit das aktive Engagement im Verein, so erfreuen sich Wettkämpfe wie der Volkslauf in Kandersteg oder die abendlichen Cross-Country-Events immer grösserer Beliebtheit.

«Die Events sind selbstverständlich offen für alle Langläuferinnen und Langläufer», sagt Senn, unabhängig davon, ob sie in einem Verein Mitglied seien. «Allerdings», schränkt er ein, sei «die kompetitive Komponente im Langlauf eher weniger verbreitet» als etwa im Sommer bei Läuferinnen und Läufern, die sich zu Tausenden auf Wettkämpfe wie den GP von Bern, den Inferno-Triathlon oder den Jungfrau-Marathon stürzten.

«Eine Ausnahme bildet der Engadiner Skimarathon», sagt Senn. «Der zieht jedes Jahr gut 12'000 Läuferinnen und Läufer an.» Heuer – bei der 50. Ausgabe – sind es gar 14'200 Personen, die sich durchs Engadin kämpfen.

Diesen Massenauflauf beobachtet Hans Graf, Präsident des Loipenvereins Aeschi, aus der Ferne – und schwärmt ebenso in den höchsten Tönen: «Dank dem frühen Wintereinbruch konnten wir bereits am 15. November in die laufende Saison starten – so früh wie nie zuvor», berichtet er.

«Im Dezember haben wir mehr als 600 Langlaufpässe verkauft – ebenfalls so viele wie nie zuvor.»Hans Graf, Aeschi

«Im Dezember haben wir mehr als 600 Langlaufpässe verkauft – ebenfalls so viele wie nie zuvor!» Seit der Schliessung des letzten Sportgeschäfts im Ort im Jahr 2010 vermietet der Verein selber Langlaufausrüstungen. «In der ersten Saison waren es 18 Saisonvermietungen», berichtet Graf.

Verkaufte Langlaufpässe in der deutschen und der italienischen Schweiz. Zum Vergrössen auf das Bild klicken.

«Aktuell ­stehen wir bei mehr als 120 Saisonvermietungen im laufenden Winter.» Rund ein Drittel der Kundschaft, welche die Loipen in Aeschi bevölkert, kommt aus der näheren Umgebung bis Spiez, etwa ein Drittel aus dem Raum Thun und ein Drittel aus der Region Bern.

Verjüngung am Gantrisch

Langlaufcenter Nummer eins für Nordisch-Begeisterte aus dem Raum Bern, aber auch in der Thuner Szene eine beliebte Destination ist indes das Langlaufzen­rum Gantrisch. «Wir stellen eine deutliche Verjüngung fest», sagt Präsident Christoph Wüthrich.

«Ab 25 Jahren ist man heute absolut dabei.» Dabei sei es noch nicht so lange her, dass die drohende Überalterung der Vereinsleitung Sorgenfalten bereitet habe. «Und heute ist es die Parkplatzsituation an einem schönen Sonntag», sagt Wüthrich lachend.

Thuner Tagblatt