2019-07-18 09:24

Als hätte es Fukushima nie gegeben

Wenn Shinjiro Koizumi in der verseuchten Region Wahlkampf macht, schweigt er sich über die Atomkatastrophe aus.

Teile der Stadt Okuma, auf deren Boden die AKW-Ruine steht, wurden im April zur Rückkehr freigegeben. Foto: The Asahi Shimbun, Getty Images

Teile der Stadt Okuma, auf deren Boden die AKW-Ruine steht, wurden im April zur Rückkehr freigegeben. Foto: The Asahi Shimbun, Getty Images

Am Bahnhof Iwaki springt ein junger Mann in grossen Sätzen die Treppe hinunter. Drei Fotografen hecheln hin­terher. Die Menschen auf dem Vorplatz jubeln ihm zu. Shinjiro Koizumi winkt, lacht und schüttelt Hände. Der Sohn von Ex-Premier Junichiro Koizumi, dem Popstar der japanischen Politik, klettert zu fünf Lokalpolitikern aufs Dach eines Wahlkampfbusses der Liberal-Demokratischen Partei (LDP). «Japans übernächster Premier», wie das 38-jährige Mitglied des Unterhauses auch genannt wird, ist nach Iwaki gekommen, um in der Stadt 50Kilometer südlich des havarierten Kernkraftwerks Fuku­shimaI für die Oberhaus-Kandidatin Masako Mori zu trommeln.

Japans kleine Kammer, in der die Präfektur Fukushima mit drei Abgeordneten vertreten ist, wird alle drei Jahre zur Hälfte erneuert. Dieses Jahr Moris Sitz. Die 54-Jährige, eine der wenigen modernen Frauen in der konservativen LDP, der Partei von Premier Shinzo Abe, war einst Ministerin für Gleichstellung, Demografie und Konsumentenschutz. Sie setzt sich für die Menschen ein, die ihr Heim nach der dreifachen Kernschmelze 2011 verlassen mussten.

Sie sollte sich ihrer Wiederwahl am Sonntag eigentlich sicher sein, zumal ihre Gegenkandidatin Sachiko Mizuno von den Konstitutionellen Demokraten (CDP) keine überregionale Erfahrung hat. Ohnehin sind die Umfragewerte der Opposition verheerend. Als stärkste Oppositionspartei steht die CDP bei 7,2Prozent, an zweiter Stelle die Kommunisten mit 2,9Prozent. Dennoch hämmert Koizumi den etwa 500 Menschen ein: «Wir dürfen diese Wahl nicht verlieren.» Er fürchtet die Apathie der Wähler.

Arbeiter mit Atemschutz

Iwaki liegt am Rand jener Zone, die nach der Atomkatastrophe evakuiert wurde. Viele Dörfer sind längst zur Rückkehr freigegeben worden, das benachbarte Hirono schon 2012. Im April sogar Teile von Okuma, einer der Gemeinden, auf deren Boden die AKW-Ruine steht. Doch in die meisten frei­gegebenen Dörfer sind nur etwa 10 Prozent der einstigen Bewohner zurückgekehrt. Ausser Arbeitern mit Atemschutz und Wachposten sieht man kaum Menschen; abends brennt nur in wenigen Häusern Licht. Die Durchgangsstrassen sind frei, aber viele Seitenstrassen bleiben verbarrikadiert, die Häuser verrammelt.

Beschädigte Läden und Tankstellen säumen die Strasse. Da und dort ist Anhalten verboten; ein Schild fordert Autofahrer auf, die Stelle wegen hoher Radioaktivität rasch zu durchqueren. Einstige Reisfelder werden jetzt von Solarzellen überzogen, auf anderen lagern eingezäunt und mit Planen abgedeckt Millionen Tonnen verseuchter Erde. Am Zaun hängt eine Tafel: 0,18 Mikrosievert pro Stunde. Bis zu 70'000 Männer haben in den letzten sieben Jahren zuerst um Schul- und Wohnhäuser, dann von Reisfeldern die oberste Erdschicht abgetragen und in riesige Plastiktüten verpackt. Diese Arbeiten, die andauern, haben den Staat bisher umgerechnet 26,5 Milliarden Franken gekostet. Niemand weiss, wohin mit der zwischengelagerten verstrahlten Erde.

Trotz dieser Dekontaminierung sind grosse Teile der Hochebene nordwestlich der Kraftwerksruine weiterhin unbewohnbar. Am Waldrand beim Weiler Iitoi, fast 50 Kilometer vom Kraftwerk, steht unweit von Bauernhöfen ein Geigerzähler: 0,48 Mikrosievert pro Stunde, mehr als das Doppelte des Grenzwertes. Der Schulhof ist mit Gestrüpp überwuchert.

Shinjiro Koizumi. Foto: Reuters

Iitoi gehört zum Streudorf Iitate, das in den Tagen nach der Reaktorkatastrophe besonders schwer verstrahlt wurde. Als die radioaktive Wolke damals vom Wind nach Nordwesten getrieben wurde, regnete es hier stark. Dennoch weigerte sich Tokio, Iitate zu evakuieren. Das Dorf lag schliesslich ausserhalb der Sperrzone von 30 Kilometern. Die Bewohner wurden bloss angewiesen, kein Hahnenwasser zu trinken. Erst der dringliche Aufruf der internatio­nalen Atombehörde IAEA überzeugte Tokio. Iitate, das sich früher «eine der schönsten Gegenden Japans» nannte und bekannt war für sein Rindfleisch und sein Waldgemüse, das wild gesammelt wird, wurde zum Geisterdorf. Inzwischen ist der Evakuierungsbefehl für weite Teile wieder aufgehoben, aber von 33'000 Bewohnern sind nur etwa 1500 zurückgekehrt. Die meisten Wälder sind noch gesperrt.

Der junge Koizumi geht in seiner Wahlkampfrede in Iwaki nicht auf die Folgen der AKW-Katastrophe ein, welche die Gegend noch hundert Jahre plagen werden. Sein Vater ist nach seinem Rücktritt aus der Politik zum Atomgegner geworden; er habe aus der Katas­trophe gelernt, sagt er. Der Sohn dagegen vermeidet eine Stellungnahme. Er sei angepasster, als er es selber je gewesen sei, sagte der alte Koizumi vor Journalisten einmal. Doch Shinjiro Koizumi muss die Balance halten, gerade in Fukushima. Die nationale LDP, die Japan seit 1955 mit zwei kurzen Unterbrüchen regiert, hält trotz Katastrophe am Atomstrom fest – ganz besonders Abe persönlich –, ihre Fukushima-Sektion jedoch ist dagegen. Mori hat ihren Wählern versprochen, die Demontage beider AKW in Fukushima durchzusetzen.

Japaner müssen länger arbeiten

Die Präfektur Fukushima ist gross und konservativ. Sie unterteilt sich in drei auch klimatisch verschiedene Regionen, den Streifen entlang der Küste, das mittlere Tal und die Region Aizu hinter den Bergen. Letztere bekam 2011 keine Strahlung ab. Heute belasten die Folgen der Reaktorkatastrophe nur noch den Küstenstreifen und die schon früher vernachlässigte Hochebene mit Iitate. Die beiden andern, grösseren, Regionen leiden bloss noch am schlechten Ruf, der dem Namen Fukushima seither anhaftet. Ihre Landwirte können ihre Produkte nur schlecht verkaufen, vor allem ins Ausland. Sie wünschen sich, dass die Katastrophe rasch vergessen wird.

Der junge Koizumi weckt im Wahlkampf lieber Vorfreude auf die Rugby-WM und Olympia. Er schwärmt von Zwiebeln aus Iwaki und macht ein Wortspiel mit Moris Vorname, das Bewunderung für «die unglaubliche Masako» ausdrückt. Schliesslich kommt er auf das Schrumpfen der Bevölkerung und die wacklige Rentenversicherung zu sprechen, die er zu retten verspricht. Doch dafür müssen die Japaner länger arbeiten, sagt er. Dass seine LDP die Rentenkrise zu verantworten hat, erwähnt er nicht.

Shinjiro Koizumi ist ihr Unterstützer: Masako Mori. Foto: Reuters

Über Abe verliert er kein Wort, stattdessen verspricht Koizumi eine komplette Erneuerung Nippons. Für diese Aufgaben brauche Japan Parlamentarierinnen wie Mori, überhaupt mehr Frauen in der Politik. Allerdings ist gerade seine eigene Partei, allen Versprechen Abes zum Trotz, weit davon entfernt, den Frauen gleiche Chancen zu geben. Während die CDP mehr als 42 Prozent Frauen in die Wahlen schickt, die Kommunisten sogar fast die Hälfte, sind es bei der LDP nur 14 Prozent. Auf dem Dach des Wahlkampfbusses in Iwaki stehen nur Männer. Mori selber tingelt an diesem Tag über die Dörfer von Aizu, wo sie in Pfirsichfarmen und Altenheimen Hände schüttelt. Und sich auf einen Traktor setzt.

Keine Hoffnung auf Hilfe

Von Iwaki braust der junge Koizumi über die Autobahn hinter der Kraftwerksruine vorbei weiter ans nördliche Ende der Katastrophenzone, ins Städtchen Minamisoma, das teilevakuiert war. Ein Geigerzähler an der Schnellstrasse zeigt 2,5 Mikrosievert pro Stunde, das Elffache der für eine Freigabe zulässigen Strahlung.

Auch in Minamisoma steigt er aufs Dach eines Wahlkampfbusses, nun auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums. Das Erdbeben von 2011 erwähnt er kurz, die Atomkatastrophe nicht. Die Menschen erwarten das nicht. Sie haben keine Hoffnung mehr auf Hilfe aus Tokio. Viele der eher älteren Frauen sind weniger wegen der Politik gekommen, als um den Jungstar zu sehen, den «populärsten Politiker Japans», wie es auch heisst. Oder den «einzigen populären Politiker», was nur geringfügig übertrieben ist. Schliesslich nimmt Koizumi-Sensei, oder Shinjiro, wie einige ihn rufen, ein Baby auf den Arm, es gibt Selfies. Der künftige Premier ist Schwiegersohn-Material. Aber um antreten zu dürfen, muss er – so die internen Senioritätsregeln der LDP – zuvor selber noch zweimal wiedergewählt werden.