2019-07-18 21:54

HBO kauft Rechte an «Friends» – gerät Netflix in Not?

Erstmals in der Firmengeschichte sinken die Abozahlen von Netflix. Gleichzeitig drängen weitere Anbieter auf den Markt.

Netflix-Zentrale in Los Angeles. Das Unternehmen bekommt zunehmend Konkurrenz durch andere Anbieter. Foto: Reuters

Netflix-Zentrale in Los Angeles. Das Unternehmen bekommt zunehmend Konkurrenz durch andere Anbieter. Foto: Reuters

  • Jürgen Schmieder

  • Los Angeles

Es hat durchaus auch andere interessante Aspekte gegeben bei der Präsentation des Streamingportals HBO Max, das der Pay-TV-Sender HBO im kommenden Jahr anbieten möchte. Den Preis zum Beispiel, mit 16 bis 17 Dollar im Monat im Vergleich zu anderen Portalen erst mal stolz. Oder die Ankündigung von Eigenproduktionen, eine Superheldenserie etwa oder eine Neuauflage des Teenie-Popkultur-Phänomens «Gossip Girl». Der entscheidende Aspekt der Präsentation war allerdings: HBO Max hat sich die US-Rechte an «Friends» gesichert, bisher in der Hand von Netflix.

Diese Nachricht ist in den Vereinigten Staaten aufgenommen worden wie der Transfer eines berühmten Sportlers, was auch deshalb interessant ist, weil «Friends», auf den Profisport übertragen, die Karriere eigentlich längst beendet hat: Es gibt seit 15 Jahren keine neuen Folgen mehr von der Sitcom über sechs New Yorker. Netflix bezahlt in diesem Jahr trotzdem 80 Millionen Dollar für die Rechte auf dem amerikanischen Markt. Und dann gibt es noch die Nachricht, dass eine andere bereits abgesetzte Serie mit stolzem Jahresgehalt abwandern wird: NBC Universal (NBCU) sicherte sich von 2021 an für 100 Millionen Dollar pro Jahr die Streamingrechte an «The Office».

Erfolgreichste Serien sind Zukäufe

Natürlich wird Netflix für eigene Produktionen wie «House of Cards», «Stranger Things» und «The Crown» mit Preisen überhäuft und als Revolutionär der Unterhaltungsbranche bewundert. Allerdings hat das Marktforschungsinstitut Nielsen kürzlich herausgefunden, dass die fünf erfolgreichsten Netflix-Serien im vergangenen Jahr allesamt Zukäufe gewesen sind: «The Office», «Friends», «Grey's Anatomy», «NCIS» und «Criminal Minds». Laut Nielsen verbringen die Abonnenten zwei Drittel ihrer Zeit mit Inhalten, die Netflix nicht selbst produziert hat.

Könnte das zu Problemen für das Unternehmen führen, womöglich gar zu existenziellen? Ein Artikel in der Finanz-Zeitschrift «Forbes» trug den Titel: «Der schlimmste Albtraum für Netflix wird gerade wahr». Autor Stephen McBride, Analyst beim Portal Risk Hedge Report, zeichnet ein düsteres Szenario und prognostiziert für die kommenden zwei Jahre einen Kursverfall der Aktie um 40 Prozent – im besten Fall.

Dass der Rückgang begonnen hat, zeigen am Mittwoch veröffentlichte Quartalszahlen: Die Finanzen sahen zwar ordentlich aus, der Umsatz lag mit 4,92 Milliarden Dollar im Bereich der Erwartungen. Allerdings lag der Zuwachs der weltweiten Abonnenten (2,83 Millionen) deutlich unter den Prognosen (4,81 Millionen). Auf dem US-Markt ist die Zahl der Abonnenten zum ersten Mal in der Firmengeschichte zurückgegangen, es gab ein Minus von 126'000 Dollar. Die Aktie, die in diesem Jahr bislang um 37 Prozent an Wert zugelegt hat, fiel im nachbörslichen Handel um zwölf Prozent.

«In den kommenden zwölf Monaten werden Disney, Apple, Warner Media, NBCU und andere Firmen Streaming-Unterhaltung anbieten, so wie es Hulu, Amazon, BBC, Hotstar, Youtube, Netflix und viele andere bereits tun», heisst es dazu im Brief an die Investoren. Und: «Das Werben um die Freizeit der Leute wird von allen Unternehmen hart geführt werden.»

Stumpfe Waffen bei Netflix

Das klingt wieder nach Profisport und der Prognose, dass der Titelkampf in den kommenden Jahren spannend werden dürfte. Das Problem für Netflix: Viele Konkurrenten verfügen bei diesem Kampf über Waffen, die das Unternehmen gerade verloren hat oder bald verlieren dürfte.

Wer verstehen möchte, was da gerade passiert, der sollte den Plan eines Disney-Freizeitparks betrachten. Ein Freizeitpark, bei dem es nicht nur Mickey Mouse, Donald Duck und Goofy geben wird, sondern auch: die «Avengers»-Superhelden, die Prinzessinnen aus «Frozen», die Stormtrooper aus «Star Wars», die Piraten aus «Fluch der Karibik», die Fee aus «Maleficent». Der Tresor an eigenen Inhalten ist bestens gefüllt, und es geht noch weiter: Die finanziell jeweils erfolgreichsten drei Kinofilme der vergangenen drei Jahre sind allesamt Disney-Inhalte. Die Filme aus den Jahren 2017 und 2018 sind derzeit bei Netflix zu sehen, das dafür 150 Millionen Dollar im Jahr bezahlt. Vom kommenden Jahr an werden sie dem Streaming-Anbieter allerdings fehlen. Wer sie dann sehen will, braucht ein Disney-Plus-Abo.

HBO, über den Verkauf der Mutterfirma Warner Media nun Teil des Telekommunikationskonzerns AT&T, hat neben dem Wechsel von «Friends» auch noch verkündet, auf dem Portal nicht nur aktuelle Hits wie zum Beispiel «Big Little Lies» und «Game of Thrones» verfügbar zu machen, sondern auch Klassiker wie etwa «The Sopranos» oder «Sex and the City». Hulu, nach dem Verkauf von 21st Century Fox nun Teil des Disney-Konzerns, bekommt dadurch Zugang zu den Inhalten des Senders FX wie etwa «Atlanta» und «Fargo». Das Portal Amazon Prime kann aus dem Füllhorn des Konzerns Amazon Milliarden-Dollar-Projekte wie eine «Herr der Ringe»-Serie finanzieren. Und Apple gibt Berichten zufolge bis zu 15 Millionen Dollar pro Folge für die Jason-Momoa-Serie «See» aus.

«Netflix muss höhere Risiken eingehen»

Im Netflix-Schreiben an die Investoren heisst es zwar, dass der Abgang von Serien wie «Friends» oder «The Office» dazu führen würde, dass man mehr Geld in eigene Inhalte investieren könne – was ein bisschen so klingt wie der Fussballverein, der nach dem Wechsel von Stars behauptet, nun auf junge Talente setzen zu wollen.

In diesem Jahr wird das Unternehmen etwa 15 Milliarden Dollar für Inhalte ausgeben und noch einmal 2,9 Milliarden für Marketing. Der Verlust dürfte damit bei mehr als drei Milliarden Dollar liegen. «Netflix wird in Ermangelung eines eigenen Inhalte-Tresors höhere Risiken eingehen müssen», sagt Michael Nathanson von der Analysefirma Moffett Nathanson: «Der Verlust externer Inhalte dürfte jedoch nicht so schmerzen wie befürchtet.»

«The Office» ist zwar die meistgesehene Serie bei Netflix im vergangenen Jahr, die Sehdauer (52 Millionen Minuten) macht jedoch nur 0,86 Prozent der Gesamt-Streamingzeit aus. Natürlich braucht es Alleinstellungsmerkmale wie «Stranger Things» und «Orange Is the New Black», es braucht aber auch diese Masse an Inhalten, um möglichst viele Leute dazu zu bringen, das Abo nicht zu kündigen. «Wir haben das bei anderen Shows, die wir nicht mehr angeboten haben, ebenfalls beobachtet», sagt Netflix-Chef Reed Hastings, der einst Schlaf als grössten Konkurrenten ausgemacht hat: «Die Leute haben dann eben andere Serien bei uns geguckt.»

Dieser Krieg der Streamingportale könnte am Ende also entschieden werden wie Mannschaftssport: Den Titel gewinnt nicht unbedingt der Verein mit den tollsten Einzelspielern, sondern der mit dem besten Ensemble. Eine Prognose, wer das in fünf Jahren sein wird, ist derzeit ungefähr so verlässlich wie eine Vorhersage des Champions-League-Siegers im Jahr 2024.