2019-07-09 07:42

Mein Name ist... Eurasischer Luchs

Im Rahmen unserer Sommerserie stellen wir in der Rubrik «Mein Name ist...» jeden Tag ein Tier vor, das in oder an der Aare lebt.

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(Bild: Keystone)

  • Sandra Rutschi

    Sandra Rutschi

Am liebsten schleiche ich in der Dämmerung herum. Ich liebe die Einsamkeit und mag es nicht, wenn um mich zu viel Aufhebens gemacht wird.

Doch was will man machen – wenn die Menschen mich sehen, geraten sie aus dem Häuschen. «Ein Luchs, ein Luchs!», rufen sie dann. Und das nicht nur, weil es eher wenige meiner Art gibt und weil ich mit meinen 17 bis 26 Kilogramm Körpergewicht eine imposante Erscheinung bin. Sondern auch, weil ich niemanden kalt lasse.

Einige Menschen finden mich hübsch mit meinem fleckigen Fell und den Haarpinseln auf meinen Ohren. Das kann ich verstehen. Aber andere meinen, ich raube ihnen bei der erstbesten Gelegenheit den Stall leer. Das ist eine Unterstellung! Natürlich: Ich habe nichts dagegen, wenn man mir das Futter auf dem Serviertablett präsentiert. Aber in meinem Revier tummeln sich genügend Rehe, die ich jagen kann. 40 bis 400 Quadratkilometer und ein Reh pro Woche brauche ich, um mich daheim zu fühlen.

Übrigens grenzt es an ein Wunder, dass ich hier im Kanton Bern wieder eingezogen bin. Die Menschen haben meine Art hierzulande im 19. Jahrhundert ausgerottet. Meine Vorfahren wurden in den 1970er-Jahren ausgesetzt, weil man uns zurückhaben wollte.

Allen Menschen passte das jedoch nicht.

Noch heute erzählen Luchseltern ihrem Nachwuchs Schauergeschichten von Verwandten, denen die Pfoten abgeschnitten wurden. Und immer wieder erfahre ich von Artgenossen, die erschossen wurden – obschon man das gar nicht darf.

Es ist nicht einfach als Jäger und Gejagte. Aber im Schutz der Dämmerung lebt es sich ganz gut.

Berner Zeitung