2019-02-24 22:44

Der FC Thun fand den Flow nicht

Thun muss sich im Heimspiel gegen Schlusslicht GC mit einem 1:1 begnügen. Moreno Costanzo kommt unverhofft zu seiner Rückkehr nach einem Kreuzbandriss.

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Als Moreno Costanzo am Sonntagabend kurz vor 18 Uhr an der Seitenlinie steht und auf seine Einwechslung wartet, ist das eigentlich ein erfreulicher Moment. Fast ein Jahr musste der Mittelfeldspieler des FC Thun nach seinem im März 2018 erlittenen Kreuzbandriss auf einen Ernstkampf warten. Nun gegen die Grasshoppers ist es so weit.

Doch Costanzo wird von Trainer Marc Schneider nicht als letztes Ass aus dem Ärmel gezaubert, in der Hoffnung, in den Schlussminuten dem FCT mit einem Geniestreich doch noch zu den drei Punkten zu verhelfen, sondern primär als Ersatz für Matteo Tosetti. Es ist eine späte Schrecksekunde für die Oberländer, als der Tessiner nach einem Zweikampf im Mittelfeld den Platz gestützt von Betreuern verlassen muss.

Eine, welche die letzten Angriffsbemühungen der Thuner jäh ins Stocken bringt. 1:1 stehts zu diesem Zeitpunkt, die Grasshoppers haben sich mit dem Punkt zufriedengegeben und fokussieren aufs Verteidigen. Für die Thuner ist ein Unentschieden gegen das Schlusslicht jedoch zu wenig. Costanzo kommt tief in der Nachspielzeit zu einem Freistoss von der Strafraumgrenze.

Es wäre der Moment, in dem er sein unverhofftes in ein heldenhaftes Comeback verwandeln könnte, doch sein frecher Abschluss unter der Mauer hindurch ist mehr Rückgabe als Schuss.

Der Sonntag war mehr der Tag der Arbeiter denn der Helden. ­Basil Stillhart hatte bis dahin kein einziges Tor in der Super League erzielt. Die Kernkompetenz des defensiven Mittelfeldspielers liegt in der Balleroberung und den Zweikämpfen. In der 13. Minute lief er jedoch mit dem Instinkt eines Stürmers bei einem Konter mit in den Strafraum und verwertete die Vorlage von Tosetti zur Führung.

Schneiders Vermutung

Es war die Phase im Spiel, in der die Thuner Angriff um Angriff lancierten, Chance um Chance erspielten. Ein weiteres Tor sollte ihnen jedoch nicht gelingen. Auch nicht, als Dejan Sorgic nur Sekunden nach Stillharts Tor wieder im Strafraum auftauchte, den Ball gegen Djibril Diani geschickt abschirmte und nach dem Foul des Franzosen zum Penalty anlaufen konnte. GC-Goalie Heinz Lindner hechtete in die richtige Ecke und wehrte ab.

Marc Schneider identifiziert diese Sequenz in der Folge als Schlüsselszene. Wahrscheinlich, vermutet der Thun-Trainer, wäre seine Mannschaft danach in einen Flow gekommen, hätte das beeindruckende Offensivpotenzial noch mehrmals zur Schau gestellt und den kriselnden Rekordmeister womöglich mit einer Kanterniederlage nach Hause geschickt.

«Aber ‹hätte› und ‹wäre› bringt uns nicht weiter.» Der 38-Jährige spricht dabei nicht nur von den verpassten Möglichkeiten in der Offensive, sondern auch von der mangelhaften Zuordnung in der Defensive, welche die Thuner gegen die aufsässigen Zürcher regelmässig offenbarten. Fünf Minuten nach Sorgics Fehlschuss nutzte Arlind Ajeti eine solche Unordnung in der Thuner Hintermannschaft zum Ausgleich.

Finks Loblied

GC-Trainer Thorsten Fink hatte in dieser Woche explizit Zweikampfverhalten trainieren lassen. Im Abstiegskampf müsse man nicht schön spielen, sondern Punkte holen, meinte der Deutsche. Und da seine Spieler diese Devise in der zweiten Halbzeit noch mehr beherzigten, verloren die Thuner nicht nur vermehrt den Zugriff, sondern die Partie büsste auch einen Grossteil des Tempos ein.

«In der zweiten Halbzeit haben wir zu wenig gemacht», konstatierte Schneider, der als sachlicher, selbstkritischer Analytiker einen Gegenentwurf zum impulsiven Fink darstellt.

Das beweist dieser auch, als er, nachdem er vor dem 1:0 ein ungeahndetes Foul moniert hat, zum Loblied auf die Oberländer ansetzt: «Thun ist in diesem Jahr hervorragend, spielt sehr gut zusammen, hat ein gutes System, Leidenschaft.»

Fink hält kurz inne. «Aber wir wollen jetzt nicht zu viel loben, denn ich glaube schon, dass meine Mannschaft den Punkt verdient hat.» Bereits am Donnerstag hat der FCT die Möglichkeit, die vom 51-Jährigen gepriesenen Qualitäten im Cupviertelfinal gegen Lugano auf den Platz zu bringen – wohl ohne Tosetti, dessen Unterschenkelverletzung in den nächsten Tagen genauer untersucht wird.

Berner Zeitung