2019-12-02 13:58

Ewig lockt der Niesen

Die Faszination des Thuner Hausbergs ist ungebrochen. Wie er Künstler während vieler Jahrhunderte beeinflusst hat, zeigt die Neuauflage des Buchs «Der Niesen im Spiegel der Kunst».

«Thunersee mit Niesen»: Dieses Ölbild von Ferdinand Hodler, entstanden 1910, ist auf dem Cover des neuen Buchs abgebildet.

«Thunersee mit Niesen»: Dieses Ölbild von Ferdinand Hodler, entstanden 1910, ist auf dem Cover des neuen Buchs abgebildet.

(Bild: PD)

  • Marc Imboden

Bücher gehören zu den beliebtesten Weihnachtsgeschenken. Das zeigen Statistiken aus den vergangenen Jahren deutlich. Die Verlage stellen sich darauf ein und veröffentlichen gegen Jahresende Bücher, die man unter den Tannenbaum legen kann. Auch der Thuner Werd & Weber Verlag AG schneidet sich ein Stück von diesem Kuchen ab und präsentiert in zweiter Auflage ein Werk, das sowohl Lese- als auch Bilderbuch ist.

«Der Niesen im Spiegel der Kunst» beeindruckt auf den ersten Blick durch sein repräsentatives Erscheinungsbild: circa 24 mal 28 Zentimeter gross, bei einer Dicke von gut 2 Zentimetern, wiegt es knapp 1,4 Kilo, was eine Folge des hochwertigen Papiers ist, das für Kunstbücher ein Muss ist.

Nicht abgehoben

Ein Coffee Table Book also? Eines jener Werke mit vielen Bildern und wenig Text, die gern auf Beistelltischchen zur Schau gestellt werden und dem Besucher vermitteln, dass hier ein kultivierter Geist zu Hause ist oder einer, der gern dafür gehalten werden möchte?

Nein: «Der Niesen im Spiegel der Kunst» hat zwar grosses Imponierpotenzial, aber auch einen wissenschaftlichen Anspruch, der in den fundierten, aber nie abgehobenen Texten der Kunsthistoriker Matthias Fischer, Rosmarie Hess (†) und Thomas Schmutz zum Ausdruck kommt. Das Buch illustriert, welche Bedeutung der Niesen «für die Verfasser literarischer und bildlicher Zeugnisse seit Beginn der Neuzeit hatte», wie es im Vorwort heisst.

Von einer umfassenden Bestandesaufnahme könne indes nicht Rede sein, da die Fülle an Künstlern und Werken schier nicht erfassbar sei. Egal: Die 172 Abbildungen auf 228 Seiten erlauben bereits einen sehr breiten kunsthistorischen Blick auf den Niesen, und die Texte helfen, die einzelnen Werke in einen grösseren Zusammenhang einzuordnen.

Wie der Fudschijama und der Kilimandscharo ist auch der Niesen mehr als bloss ein Berg. Durch seine klare Form, seine dominante Stellung in seiner Umgebung hat er eine mystische Komponente, die den Menschen seit Jahrhunderten in ihren Bann zog. Das Hauptkapitel im Buch zeigt, wie der Berg in sechs Jahrhunderten dargestellt wurde: auf klassische Weise, wie man es von den ganz alten Werken kennt, bis in die Moderne, wo er in Strömungen wie Expressionismus und Kubismus, abstrakter Malerei und Pop-Art Eingang fand.

Dieses Kapitel wendet sich an ein kunsthistorisch interessiertes Publikum – aber nicht nur. Dass der Niesen seit Jahrhunderten auch Geografen und Geologen fasziniert und Schriftsteller inspiriert hat, dass er den Altvorderen Respekt und Angst eingeflösst hat und wie er seinen Namen erhalten hat, ist hochinteressant, auch und gerade für jene Leute, die die Pyramide des Berner Oberlands jeden Tag vor Augen haben, ohne dieses Bilds jemals überdrüssig zu werden.

Nach dieser Auslegeordnung widmet sich das Buch exemplarisch zwei malerischen Giganten, ohne die ein Niesen-Kunstbuch nicht auskommt: J. M. William Turner, der bedeutendste bildende Künstler Englands in der Epoche der Romantik, und Ferdinand Hodler, einer der bekanntesten und wichtigsten Schweizer Maler des 19. Jahrhunderts.