2019-07-18 14:31

Der Chef sieht seine Farben wieder

Aufsteiger Servette steht nach Jahren des Leidens wieder auf solidem Fundament – dank Präsident Didier Fischer.

Die Rückkehr von Granatrot in der Super League: Servette-Captain Anthony Sauthier bejubelt mit den Fans in der Kurve den Aufstieg. Foto: Pascal Müller (Freshfocus)

Die Rückkehr von Granatrot in der Super League: Servette-Captain Anthony Sauthier bejubelt mit den Fans in der Kurve den Aufstieg. Foto: Pascal Müller (Freshfocus)

Didier Fischer ist in einem Alter, in dem er sich sagt: «Ich möchte nur noch das tun, worauf ich Lust habe.» Der 60-Jährige fliegt nach London, um Roger Federer in Wimbledon zu sehen. Als begeisterter Segler verbringt er manchmal Wochen mit Freunden auf dem Meer. Er ist leidenschaftlicher Winzer und Mitbesitzer eines Weinguts. Und er ist, nicht zuletzt, Präsident von Servette, das sich in der Super League zurückmeldet.

Nun kann man sich fragen, wieso er sich als weiteres Hobby ausgerechnet die Leitung eines Fussballclubs ausgesucht hat, der lange Jahre gelitten hatte, weil dubiose Gestalten an der Spitze ihr Unwesen trieben und dem Verein jede Glaubwürdigkeit raubten. «Ich liebe diesen Club», sagt Fischer, «das ist der wahre Grund für mein Engagement.» Die Vergangenheit mit dem Konkurs und dem Abtauchen in die Masse der Amateurclubs schliesst er mit einem Satz ab: «Man kann hinfallen, aber man muss alles dafür tun, um wieder aufzustehen.»

Servette hat eine reiche Tradition, mehr als 17 Meistertitel errangen in der Schweiz einzig Basel (20) und GC (27). Mit dem Verein werden klangvolle Namen assoziiert, Fatton, Rappan, Pazmandy, Barberis, Chivers, Renquin, Favre, Burgener, Decastel, Rummenigge, Geiger, Anderson, Neuville, Petrov, Müller ... Servettes Ausstrahlung reichte weit über die Stadt- und die Kantonsgrenzen hinaus, und Servette war stolz auf seine Farben, dieses Granatrot. Als Didier Fischer vor vier Jahren antrat, tat er das auch mit dem Fernziel, dem Club wieder diesen Anstrich zu geben. Jetzt kann er bilanzieren: «Wir stehen auf einem sehr soliden Fundament.»

Die Begegnungen in Genf

Er erzählt erfreut von einer Beobachtung, die er neulich machte, als er zu Fuss in der Stadt unterwegs war. Drei Menschen in Servette-Trikots liefen ihm über den Weg. Darüber mag man in Bern und Basel mitleidig lächeln, für Fischer ist es keine Selbstverständlichkeit, dass er ausserhalb des Stade de Genève überhaupt jemanden in Granatrot sah. «Leibchen von Barcelona, Juventus und Liverpool sind in Mode. Aber wer trug schon eines von Servette?», sagt er. «Jetzt sehe ich unsere Farben wieder. Die Marke hat wieder einen Wert, ich spüre, dass der Goodwill zurückkehrt.» Das liest er auch daran ab, dass neulich erst in nur zwei Tagen 250 Trikots verkauft wurden, dazu lief das Geschäft mit den Saisonabos bestens.

Präsident Fischer.

Der Präsident ist ein Clubchef, der nicht an die Öffentlichkeit drängt. Und vor allem ist er auch ein Mann, dem die Genfer vertrauen. Als der Verein 2015 ein weiteres Mal vor dem Ruin stand und ein nächster Retter herbeigesehnt wurde, wagte sich Fischer an die Aufgabe heran. 5 Millionen Franken musste er auftreiben, um das Loch zu stopfen, das sich unter Präsident Hugh Quennec aufgetan hatte, und um die Insolvenz zu verhindern. Nach ein paar Telefonaten hatte er alle Zusagen beisammen. Es ist das Glück von Servette, dass Fischer gute Beziehungen zur Fondation Hans Wilsdorf pflegt – die Stiftung verwaltet das Erbe des gleichnamigen Rolex-Gründers.

Budget drei Jahre gesichert

Als Fischer startete, konnte Servette es sich leisten, in der Promotion League mit 4 Millionen Franken zu wirtschaften. Mit jedem Aufstieg wuchs auch das Budget. In der Super League wird es gesamthaft 15 Millionen betragen, wovon 12 auf die erste Mannschaft entfallen – für mindestens drei Saisons ist diese Summe gesichert. Zudem stecken die Genfer bis zu 3 Millionen pro Jahr in ihre Akademie, die einen vorzüglichen Ruf geniesst und von Massimo Lombardo geleitet wird, der selber für Servette gespielt hat.

Fischer ist die Arbeit an der Basis ein grosses Anliegen. In Zukunft sollen Talente, die bei Servette ausgebildet werden, direkt ins Ausland verkauft werden und nicht den Umweg über einen Liga-Konkurrenten wie YB, Basel oder den FCZ machen. «Die Akademie ist nicht einfach ein Nice to have, sondern eine Institution, die sich lohnen soll», betont der Präsident. Zudem integriert er Ehemalige in den Betrieb, um die Identifikation zu stärken.

Coach Geiger.

Neben Lombardo ist auch Patrick Müller zurück, er ist als Defensivtrainer geholt worden. Carlos Varela ist als Scout unterwegs. Und an der Spitze der ersten Mannschaft steht Alain Geiger, 1984 Cupsieger und 1985 Meister mit Servette in den grossen, sorgenfreien Zeiten.

Geiger ist mit seinen 58 ein Routinier im Geschäft und völlig unaufgeregt, weil er sich einfach freut auf das, was kommt: «Es ist reizvoller, nach Bern zu fahren als nach Rapperswil oder daheim gegen Basel zu spielen als gegen Chiasso.» Er sieht seinen Auftrag darin, die Mannschaft zum Ligaerhalt zu führen, alles andere fände er eine übertriebene Erwartungshaltung: «Wir sind nicht schlechter als Xamax oder Thun. Aber andere Clubs sind weiter als wir, insbesondere YB und Basel.»

Erwartung: 7000 Zuschauer

4300 Zuschauer kamen im Schnitt zu den Heimspielen in der Challenge League, 7000 sollen es mindestens in der Super League sein. Fischer will aus dem Sportanlass einen Event für die Bevölkerung machen, er redet von einem «Village Servette», in dem vor und nach dem Match Betrieb herrschen soll. Bars, Bands, Spielplätze für die Kinder – «wir können uns mit den schönen Kapiteln der Geschichte von Servette nichts kaufen, wir müssen den Leuten Neues bieten, Unterhaltung».

Ist Servette gut genug, um seinen Platz in der Super League zu verteidigen? «Ich weiss es nicht», antwortet Fischer, «aber die ersten 15 Minuten im Startspiel gegen YB werden mir ein Gefühl geben. Dann weiss ich: Es kommt gut. Oder: Wir müssen noch korrigieren.» Er hat aber Vertrauen in die Spieler. Und in den Trainer, der zwei Jahre arbeitslos war, sich selber bei den Genfern um die Stelle bewarb und ab Sommer 2018 eine Aufstiegsmannschaft formte. Anfänglich wurde Geiger kritisch beobachtet, nun ist er neben Fischer der Heilsbringer für Servette. Er geniesst das. Mit einem breiten Grinsen sagt er: «Der alte Fuchs ist wieder da.»