2019-07-16 17:39

Mit dem Hang zur Perfektion

Christine Feldmann vom Billard-Sport-Club Bümpliz hat Anfang Mai in Treviso den EM-Titel in der Disziplin 10er-Ball gewonnen. Den Grundstein für diesen Erfolg legte die 44-Jährige schon als Jugendliche.

Total fokussiert: Europameisterin Christine Feldmann hat die weisse Kugel fest im Blick.

Total fokussiert: Europameisterin Christine Feldmann hat die weisse Kugel fest im Blick.

(Bild: Raphael Moser)

  • Adrian Lüpold

    Adrian Lüpold

Billard basiert auf Präzision. Es erfordert Nervenstärke, einen klaren Fokus und Stehvermögen. Wie beim Schach gilt es Züge vorauszudenken und Stellungen zu analysieren. Wie bei einem Konzertpianisten gehört eine ruhige Hand zur Pflicht. Und wie in jedem anderen Sport bedeutet eine saubere Technik das A und O. Billard besitzt das Potenzial zum Volkssport. Jedes Kind hat schon mal den Queue über seine Finger gleiten lassen und die bunten Kugeln mit Glück oder Können in einem der 6 Löcher versenkt. Kaum jemand beherrscht das beliebte Spiel indes so perfekt wie Christine Feldmann vom Billard-Sport-Club Bümpliz.

Wie in Trance zum EM-Titel

Anfang Mai gelang der 44-Jährigen im italienischen Treviso ein veritabler Coup; sie sicherte sich in der Disziplin 10er-Ball den EM-Titel. Feldmann hatte sich dabei im Turnier von Runde zu Runde gesteigert, agierte in den entscheidenden Phasen wie in Trance und bezwang im Final die favorisierte Profispielerin Kristina Tkach aus Russland. «Ich war schon ab dem Viertelfinal total im Fokus. Es hat alles gestimmt. Ich spürte nur positive Emotionen und beging kaum einen Fehler», sagt Feldmann.

Auch mehr als zwei Monate nach dem Triumph schwingt in ihren Worten Verzückung mit. «Nach dem letzten Stoss im Final machte ich einen riesigen Luftsprung. Auch Tage danach hatte ich noch eine unglaubliche Freude und Euphorie in mir.» Die Grundlagen für ihr Weltklasseniveau schaffte Feldmann als Teenager. Im Alter von 15 Jahren entdeckte sie Billard in einem Anfängerkurs. Die gebürtige Bielerin war ein Naturtalent, gab auf Anhieb eine so gute Figur ab, dass der Eintritt in einen Club als logischer nächster Schritt folgte.

Bald mass sie sich mit Männern, die verbissen versuchten, eine Niederlage gegen das Talent abzuwenden, und dennoch oft den Kürzeren zogen. Sie löste eine Lizenz und erlangte bei regionalen Turnieren Wettkampfhärte, die sich 1993 auszahlte, als Feldmann überraschend die Jugend-Europameisterschaft gewann. «Nach dem Erfolg hat es mir den Ärmel total reingezogen. Von da an war klar, dass ich dranbleiben muss.» Feldmann intensivierte das Training, schärfte ihre Technik, analysierte Partien von Weltklassespielern und übte in jeder freien Minute. «Ich entwickelte einen grossen Ehrgeiz, trainierte stundenlang dieselben Stösse.»

Süsse Früchte geerntet

Ihr Hang zur Perfektion und ihr Biss, sich verbessern zu wollen, trugen süsse Früchte: National ohnehin längst in der Spitze angekommen, schlug sie 2005 an der EM auch auf internationaler Ebene zu. In der Disziplin 8er-Ball heimste sie den Siegerpokal ein und belohnte sich für all den Aufwand im Trainingsraum. Dass sie diesen Coup 14 Jahre später an einer EM wiederholen konnte, ist alles andere als selbstverständlich.

Nach der Geburt ihrer beiden Söhne (12 und 9 Jahre) reduzierte Feldmann, die mit ihrer Familie im solothurnischen Lohn-Ammannsegg lebt, die Intensität. Als Stationsleiterin im Inselspital ist die charmante Pflegefachfrau auch beruflich ausgelastet. Da bleibt nicht mehr so viel Zeit zum Üben wie früher, obschon Feldmann in ihrem Club in Bümpliz nach wie vor regelmässig trainiert und ab und zu auch Spieler zu sich nach Hause einlädt, um im Rhythmus zu bleiben.

«Ich bin zeitlich viel eingeschränkter als früher. Vor der EM lief ich am Limit, weil ich mich gut vorbereiten wollte», erklärt Feldmann. Für die EM engagierte sie zum ersten Mal in ihrer Karriere einen Coach. Mit durchschlagendem Erfolg. «Ob beim Stossverhalten oder bei der Stosstechnik. Oder in der Art, wie ich zum Tisch laufe oder wie fest ich den Queue halte, um locker zu sein. Die Tipps brachten mir mega viel», erzählt Feldmann.

Bei ihrem Triumph profitierte sie auch von der Zusammenarbeit mit einem Mentaltrainer, der sie seit rund vier Jahren sporadisch begleitet. «Der mentale Aspekt ist extrem wichtig, der totale Fokus auf den nächsten Stoss immens. Es geht um Überzeugung und Selbstvertrauen, das auch die Gegnerin einschüchtern kann.» Dass sie den Titel mit einem Queue der Thuner Firma Sorace gewann, freut Feldmann besonders. «Alles, was Billard in der Schweiz bekannt macht, ist gut. Ich fände es toll, wenn eine breite Masse diesen tollen Sport ausübt. Deshalb rate ich auch den Leuten, die in der Freizeit spielen: Geht in einen Club und probiert es einfach aus.» Denn das Spiel mit den bunten Kugeln hätte durchaus das Potenzial zum Volkssport.

Berner Zeitung