2019-07-18 15:01

Tells Tochter

Ramona Bieri gehört zum Nationalkader der Schweizer Armbrustschützen. Die 29-Jährige aus Belp liebt ihren Sport, obwohl dieser kaum mediale Beachtung findet und teuer ist.

Zuversicht vor den Wettkämpfen: Die 29-jährige Ramona Bieri posiert mit ihrer Armbrust. Foto: Christian Pfander

Zuversicht vor den Wettkämpfen: Die 29-jährige Ramona Bieri posiert mit ihrer Armbrust. Foto: Christian Pfander

Ramona Bieri arbeitet als Drogistin, verkauft als Geschäftsführerin der Berin GmbH Kugelfangsysteme für Schiessstände. Zudem ist sie leidenschaftliche Armbrustschützin. Die beiden Jobs beanspruchen sie, ergeben zusammen mehr als ein 100-Prozent-Pensum. Das Hobby muss hinten anstehen. «Aber sobald ich mit der Armbrust schiesse, ist der Arbeitsstress weit weg.

Dann werde ich ruhig, konzentriere mich nur noch auf mich. Dieses Gefühl gefällt mir», erzählt die 29-Jährige aus Belp. Acht bis zehn Stunden trainiert sie pro Woche. «Eigentlich würde ich gerne mehr investieren, aber mir fehlt leider die Zeit dazu.»

Neben dem Schiesstraining müssen auch Rumpf und Rücken gestärkt werden, schliesslich wiegt eine Armbrust bis neun Kilogramm. «Auch eine gute Kondition ist von Vorteil, denn ein Wettkampf bei grosser Hitze kann anstrengend sein», ergänzt die Bernerin.

WM-Silber gewonnen

Mit dem Gewehr schiesst Bieri schon seit Jahren. Zum Armbrustsport hat sie erst 2013 durch ihren Vater, ebenfalls einem leidenschaftlichen Schützen mit der einstigen Waffe von Wilhelm Tell, gefunden. «Weil die Armbrust relativ schwer ist, kann man mit dieser Randsportart nicht schon in ganz jungen Jahren beginnen», erklärt Bieri, die früher Handball, Unihockey und Ballett betrieben hat.

Bald schon gehörte sie jedoch dem Schweizer Armbrust-Nationalkader an. 2015 gewann sie mit dem Team WM-Silber, 2017 Bronze. «Das sind bisher mein grössten Erfolge», sagt die mehrfache Schweizer Meisterin mit der Mannschaft.

Die Disziplin 10 m betreibt sie indoor mit der ASG Frutigen; 30 m Freiluft bei der ASG Thun, bei der auch ihr Vater Mitglied ist. Im Einzel war sie 2015 über 30 Meter, der Königsdisziplin, an der Schweizer Meisterschaft Dritte geworden.

Am Freitag und Samstag stehen in Ringgenberg am Eidgenössischen Armbrustschützenfest, an dem nur Freiluft über 30 m geschossen wird, ebenfalls die nationalen Titelkämpfe auf dem Programm. Zuerst kniend, am Samstag stehend. «Aber mein grosses Ziel am Eidgenössischen ist die Qualifikation für den Ausstich zum Schützenkönig.»

Lieber stehend

Das wird schwierig genug; 950 Teilnehmer schiessen im Oberland. Egal ob Junior, Elite, Senior, Veteran oder Frau; es gibt nur eine Kategorie und nur einen Schützenkönig. Für Bieri ist das kein Problem. «Am Ende will man einen Schützenkönig, nicht die beste Frau und den besten Mann.»

Mit Irene Beyeler aus Schwarzenburg ist 2006 bisher erst eine Frau Schützenkönigin geworden (vgl. Text unten). 40 Schützen qualifizieren sich für den Ausstich über 30 m kniend und freischiessend (die Armbrust darf nicht aufgelegt werden, was vor allem bei älteren Schützen gebräuchlich ist). «Die Schweiz gilt gemeinhin als Kniend-Nation. Von den 950 Teilnehmern schiessen nur rund 70 auch stehend», weiss Bieri.

Die Stehend-Stellung wird vor allem an internationalen Wettkämpfen praktiziert. Sie gilt als anstrengender, da das ganze Gewicht mit einer Hand getragen werden muss, ist aber Bieris Paradedisziplin. «Seit ich mir eine neue, leichtere Armbrust angeschafft und diese abgeändert habe, um die Rückschläge besser abfedern zu können, habe ich auch kniend Fortschritte erzielt.»

Noch ohne Sponsoren

Das Sportgerät – in der Schweiz gibt es nur noch zwei Hersteller (Winzeler und Scherrer) – kostet übrigens gut 6000 Franken, hinzu kommen 2000 Franken für die Bekleidung, auch die Pfeile müssen selber berappt werden. «Armbrustschiessen ist teuer. Preisgeld gibt es keines, Sponsoren habe ich auch nicht», sagt Bieri. Der Liebe zu diesem Sport tut dies jedoch keinen Abbruch.

Zuerst, erzählt sie, habe sie sich kaum getraut zu sagen, was für ein Hobby sie ausübe. «Sagte ich Armbrustschiessen, wurde ich schräg angeschaut und erntete Unverständnis. Ich glaube, nicht zuletzt dank der erhöhten Popularität des Schwingens, ist auch unsere Sportart bei den Jungen ein bisschen etablierter geworden.» Ein Nachwuchsproblem hat Armbrustschiessen im Land von Wilhelm Tell trotzdem.

Viel wert ist Ramona Bieri das gute Verhältnis zu den Konkurrenten. «Wir sind Freunde.» So campiert in Ringgenberg das Nationalteam gemeinsam. Mit Michael Gerber (Elite/Utzenstorf) sowie Senior Samuel und U-23-Athlet Mirco Steiner (beide Wasen im Emmental) gehören diesem drei weitere Berner an.

WM im August

Bieri hofft im Oberland während der Einsätze auf stabile Windverhältnisse, denn Böen können einen Wettkampf zur Lotterie verkommen lassen. Nach den Wettkämpfen in Ringgenberg steht für die Bernerin noch die Weltmeisterschaft im August im russischen Uljanowsk auf dem Programm. «Darauf freue ich mich sehr. Ziel an der WM ist der Finaleinzug in die Top 8 bei den Frauen», sagt Bieri. Doch vorerst gilt ihre ganze Konzentration dem «Eidgenössischen».