2019-07-15 15:44

Ein «Rekord», der Federer ärgert

Im Wimbledon-Final verlor Roger Federer zum 24. Mal nach verpasstem Matchball. Ex-Profi Mats Wilander hat dafür eine Erklärung.

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Am Sonntag spät, als der längste Wimbledon-Final Geschichte war, tanzten auf der High Street Wimbledon Menschen auf der Strasse vor Freude. Sie sangen und jubilierten. Es war ein sporthistorischer Tag gewesen in London, das musste gefeiert werden: England war im Lord's Cricket Ground im Stadtteil Westminster erstmals Weltmeister geworden, mit einem Finalsieg über Neuseeland.

Tennisfans waren hingegen kaum mehr auszumachen im Wimbledon Village, das nun zwei Wochen lang fest im Griff der All England Championships gewesen war. Djokovic-Anhänger sind hier ohnehin spärlich gesät, und die Federer-Aficionados waren mit gesenkten Häuptern nach Hause zurückgekehrt. Auf den sozialen Medien leckten sie ihre Wunden und diskutierten, ob dies dessen bitterste Niederlage überhaupt gewesen sei.

Die Highlights der Partie zwischen Roger Federer und Novak Djokovic. (Video: AP)

Federers Premiere

Man kann es wohl auf diesen Nenner bringen: Was die Bedeutung betrifft: nein. Da dürfte der Wimbledon-Final 2008, als er nach fünf Titeln in Serie von Rafael Nadal entthront wurde, noch höher einzustufen sein. Was den Spielverlauf betrifft: ja. Federer hatte noch nie zuvor ein Major-Endspiel nach verpassten Matchbällen verloren. Das kommt ohnehin äusserst selten vor: In der Profiära (seit 1968) war das zuvor bei den Männern erst einmal passiert: Im Paris-Final 2004, als der von Krämpfen geplagte Guillermo Coria gegen Gaston Gaudio zwei Matchbälle vergab und verlor.

So viele schöne Bestmarken Federer hält, auch punkto Niederlagen nach nicht verwerteten Matchbällen ist er eine Ausnahmeerscheinung. Dies war bereits das 24. Mal, dass ihm dies passierte. Die ATP führt darüber kein Buch – dass dies ein «Rekord» ist, ist also nicht bestätigt. Man darf aber davon ausgehen.

Am Sonntag erlebte er dies zum sechsten Mal an einem Grand-Slam-Turnier, nach 2002, 2005 (Australian Open), 2010, 2011 (US Open) und 2018 (Wimbledon). Deutlich weniger oft ist das seinen Rivalen passiert: Nadal achtmal, aber nie an einem Major-Turnier, Djokovic nur gerade dreimal. Dafür hat Federer auch schon 21 Mal nach einem Matchball gegen sich noch gewonnen – zuletzt in der Sandsaison in Madrid (gegen Monfils) und Rom (Coric).

Eindrücklich war indes schon, wie konzentriert Djokovic am Sonntag die «Big Points» spielte, welche die Partie entschieden. In den drei gewonnenen Tiebreaks beging er keinen unerzwungenen Fehler, Federer deren elf. Und den zweiten Matchball gegen sich wehrte der 32-Jährige mit einem Passierball auf die Linie ab. Es waren Zentimeter, die entschieden.

Zufall sei es trotzdem nicht gewesen, ist Mats Wilander überzeugt: «Djokovic musste sich immer alles hart erarbeiten. Er war der Verfolger und ist sich gewöhnt, enge Spiele gewinnen zu müssen. Federer hingegen lebte lange davon, dass er schlicht viel besser war als alle anderen. Deshalb kann er mit solchen Situationen nicht gleich gut umgehen.»

Djokovics Antworten

Was das Tennis betrifft, zeigte sich Federer in der Endphase Wimbledons so stark wie nie mehr seit seinem letzten Grand-Slam-Titel am Australian Open 2018. Hätte er Djokovic besiegt, es hätte seiner Rivalität mit dem Serben einen neuen Spin gegeben. Jetzt bleibt die Story die gleiche: Wie gut er auch spielt, Djokovic hat immer eine Antwort parat. Die Frage ist, wie gut Federer mit dieser schmerzhaften Niederlage umgehen wird. In seiner Platzrede war er brillant, strahlte er bereits wieder, in der Pressekonferenz merkte man ihm dann aber schon an, wie bitter enttäuscht er war.

Es ist sicher eine gute Entscheidung, nach einer intensiven Phase mit Madrid, Rom, Paris, Halle und Wimbledon auf Montreal (ab 5. August) zu verzichten, erst in der folgenden Woche in Cincinnati einzusteigen, wo er schon siebenmal gewonnen hat. In der Weltrangliste bleibt er die Nummer 3, in Lauerstellung hinter Nadal. Falls er am US Open, wo er 2018 überraschend im Achtelfinal an John Millman scheiterte, weiter kommt als der Spanier, hat er aber gute Aussichten, diesen in New York zu überholen. Es besteht auch eine kleine Chance, dass er schon vorher an ihm vorbeizieht. In Wimbledon qualifizierten sich Djokovic und Nadal bereits fürs ATP-Finale in London, auch Federers 17. Teilnahme scheint nur noch Formsache.

Fürs US Open ist Djokovic nun klar zu favorisieren, zumal sich Nadal zuletzt auf Hartplatz gesundheitlich äusserst schwer tat. Interessant ist, was Boris Becker, der Ex-Coach von Djokovic, im Rahmen des Wimbledon-Finals über den Serben sagte. Er habe das Gefühl, es schmerze diesen schon sehr, «das dritte Rad am Wagen» zu sein neben den so populären Federer und Nadal. An Beliebtheit wird er diese zwei nie übertreffen. Umso motivierter ist er, sie dereinst nach Grand-Slam-Titeln hinter sich zu lassen.

berneroberlaender.ch/Newsnetz